Leserreporter

26 11 2008
Leserreporter gibt es auch in Österreich; die Ausbildung findet im redaktionellen Teil statt...

Leserreporter gibt es auch in Österreich; die Ausbildung findet im redaktionellen Teil statt...

Die Discounterkette „LIDL“ verkauft ab 4.12. in ihren Filialen die bild.de-Videokamera für €69,90. Mit dabei ist auch eine Software, mit denen die Nutzer (von Bild „Leserreporter“ genannt) ihre Videos auf die Server von bild.de hochladen können. BILD-Chefredakteur Kai Diekmann will somit innerhalb kürzester Zeit über kostenlosen Content für seine seltsame Publikation verfügen. Bereits vor kurzem schwadronierte Diekmann aus, „verdienten“ Leserreportern eine solche Kamera zu schenken.

Als ich 1995 mein Volontariat in einer Lübecker Redaktion begann, fiel mir ein Buch aus dem Verlagsregal direkt in den Arm: „Niedergang des Journalismus“ (oder so ähnlich), hiess es, und handelte von einer globalisierten Welt und (damals) neuen Kommunikationstechniken. Journalismus, so der Tenor, wäre demnach zukünftig nur noch eine Zusatzqualifikation innerhalb der gesellschaftlichen Kommunikation. Aufgabe der Redakteure wäre es künftig, journalistische Beiträge zu formen, zu finden und für die eigenen Publikationen zu kanalisieren.

Kai DIekmann scheint auch dieses Buch gelesen zu haben. Und seine Reporter und Journalisten eingeschworen zu haben, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Der Witz an der Sache ist: Die sonst so weitsichtigen, tiefsinnigen und geistig-unabhängigen Journalisten erkannten nicht, wessen Grab sie gruben, machten sogar begeistert mit.

Auch ich gehörte zum Heer der Praktikanten, die selbstverständlich irgendwann mal unter göttlichen Konditionen übernommen werden sollten. Praktikanten, die sich bereitwillig ausbeuten lassen und gerne bereit sind, bei Recherchen auch mal aus eigener Tasche zuzuzahlen – der Glaube an das eigene Können und den Respekt vor Qualität war zu dieser Zeit noch ungebrochen. Ich lernte die menschenverachtende BILD-Redaktion kennen, arbeitete mich am Hamburger Axel-Springer-Platz bis zur Computer-BILD vor. Und lernte dann, unten, in der Passage, einen anderen Praktikanten kennen. Der tat ebenso motiviert, war jedoch bereits 44 Jahre alt. Geschockt wachte ich auf, hörte auf zu Glauben und begann zu handeln.

Kai Diekmann hat vielleicht zu viele Mitarbeiter angezüchtet, die irgendwann nicht mehr an ihre Übernahme glauben und sich jenseits der Dreißiger-Grenze vielleicht auch mal zu alt als Praktikant fühlen. Seine Idee, noch viel billiger und unabhängiger zu produzieren mündete im Masterplan, sogenannte „Leserreporter“ heranzüchten zu wollen. Das ärgerte zwar den „Deutschen Journalisten-Verband“ und andere, war dem Diekmann aber völlig gleichgültig. Presseratsrügen und Kritik perlen an schmierigen Menschen meist widerstandslos ab. Diekmann selbst findet den Masterplan offensichtlich als Karriere-Meilenstein: Wo andere noch verdiente Mitarbeiter bis zur Entlassung zu kürzen versuchen, stellt Diekmann für BILD neue Mitarbeiter ein, die nicht nur völlig kostenlos tätig werden, sondern darüber hinaus auch noch ihr Equipment selbst finanzieren. Über Kompetenz macht sich der Mann dabei keinen Kopf – seine „BILD“ hat schliesslich auch weder Kompetenz, noch Niveau – er kann also eigentlich nichts falsch machen…


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